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Die CDU schont sich nicht. Was dazu später mal die Kinderinnen und Kinder sagen werden?

Wülfel, Wölpinghausen, Wiedenbrügge, Wankdorf

Veröffentlicht am 3. Juni 2006 in den Schaumburger Nachrichten

Von Christoph Oppermann

„Sie haben einen Stein ins Rollen gebracht.“ Heinz Stege und Heinrich Kläfker haben Unterlagen herausgesucht: Auszüge aus einer alten Namensliste von 1945, einen Mitgliedsausweis des Sportvereins „Blau-Weiß“ Wölpinghausen, die Reproduktion einer 60 Jahre alten Fotografie. Die beiden Wölpinghäuser sitzen im Wohnzimmer von Heinz Stege und erinnern sich an eine Zeit und Umstände, die heute fast unvorstellbar scheinen. „Der hat unter dem Namen Berwanger gespielt“, sagt Heinz Stege. Der, das ist Jupp Posipal. Einer der „Helden von Bern“, der Weltmeister von ’54 hat in der Seeprovinz Fußball gespielt. Nicht lange, nicht oft, aber unter kuriosen Umständen.

Geboren wurde Josef Posipal am 20. Juni 1927 in Lugoj/Rumänien. Seinen Vater Peter – ein Donauschwabe – verlor er früh, seine Mutter war Ungarin. Das klingt noch nicht besonders bemerkenswert, sollte aber später noch von Bedeutung sein. In Lugoj besuchte er das Gymnasium und kam mit 16 Jahren nach Hannover-Wülfel ins Eisenwerk. „Natürlich war es Zwang“, meint Posipals Frau Gisela. „Er musste nach Hannover. Entweder wäre er zur Wehrmacht gekommen oder man musste ins Rüstungswerk nach Deutschland. Das waren die zwei Möglichkeiten, und da hat die Mutter entschlossen: Du gehst nach Deutschland ins Rüstungswerk. Und da wurde er dann für Hannover zugeteilt.“ Sie selbst kenne diese Zeit in Jupp Posipals Leben „nur aus Erzählungen. Wir haben uns hier in Hamburg erst 1949 kennengelernt.“ Die unfreiwillige Zeit in Hannover war Gesprächsthema beim Ehepaar Posipal. Die in Hamburg lebende Witwe des Weltmeisters von ’54 erinnert sich an die Schilderungen aus dieser Zeit: „Da sind sie dann so in eine Jugendherberge gekommen und haben dort bis zum Kriegsende gelebt – alle, die aus Rumänien kamen.“ Und die Einschätzung über die Zeit: „Sie war sehr hart, nicht genug zu essen, als junger Mensch ist es ja das Wichtigste. Es fehlte natürlich das Elternhaus, die gewohnte Umgebung.“ Sie erinnert daran, dass ihr Mann bereits als 16-Jähriger das Elternhaus habe verlassen müssen.

Ob Lager oder Jugendherberge – die Schilderungen unterschiedlicher Zeitzeugen differieren nur unerheblich. Auf jeden Fall gab es eine „Lagermannschaft“ mit dem Namen „Weißer Adler“. Einer der Akteure war Jupp Posipal.

Schwer nachzuvollziehen ist der Ablauf der Monate direkt nach Kriegsende. Sicher scheint: Posipal spielte am Stadtrand Hannovers für den Badenstedter SC. „Der Jupp ging ab wie eine Rakete“ erinnerte sich im vergangenen Jahr noch Posipals früherer Mannschaftskollege Werner Engelke. Zu dieser Zeit tauchte der spätere Weltauswahlspieler auch zum ersten Mal in Schaumburg auf.

In der Saison ’45/’46 habe Posipal für den Sportverein „Blau-Weiß“ Wölpinghausen gespielt, erinnern sich Heinz Stege und Heinrich Kläfker. Wie oft allerdings, darin werden sich die beiden nicht einig. „Zwei-, dreimal“, meint Heinz Stege, Heinrich Kläfker weicht nur unwesentlich ab: „Das war nicht viel. Ich schätze vier Spiele. Der lief ja nicht unter Posipal, sondern unter Berwanger.“ Honorarfrei blieben die „Gastauftritte“ der hannoverschen Spieler nicht. Heinrich Kläfker erinnert sich: „Wenn die Hannoveraner kamen, hier spielten, gingen wir heimlich auf den Boden, schnitten Wurst ab. Die gaben wir nach dem Spiel den Lagerspielern.“

Es müssen mehrere Spieler gewesen sein, die direkt nach Kriegsende „Blau-Weiß“ verstärkt haben. Unter welchen Umständen die Fußballer nach Wölpinghausen gekommen sind, ist nur schwer nachvollziehbar. Heinz Stege erklärt, dass Wilhelm Adelmann, damals Vorsitzender des Sportvereins, „gute Kontakte zur Besatzungsmacht“ gehabt habe. „Der hat auch für die 1. Mannschaft Fußballschuhe besorgt. War ’ne Sensation.“ „Das war alles recht primitiv damals“, lässt Heinrich Kläfker das Fußballspielen unmittelbar nach Kriegsende Revue passieren. Einer der Akteure habe sogar barfuß gespielt, „ein ganz rauer Geselle.“

Gut erinnern können sich die beiden Wölpinghäuser aber noch an ein Auswärtsspiel. Das war gegen Liekwegen auszutragen. 2:0 habe es bereits nach einer Viertelstunde gestanden – für das Team aus der Seeprovinz, zum Schluss war Liekwegen 6:2 geschlagen. Gemeinsam mit der Mannschaft sind Anhänger nach Liekwegen damals gefahren, auch daran erinnern sich die beiden hervorragend. Posipal sei sehr dünn gewesen, und Steege erinnert sich an seine Reaktion auf die Mannschaftsaufstellung: „Mensch, den stellen sie als Mittelläufer auf – der bricht doch gleich zusammen.“ Und Heinrich Kläfker ergänzt das Bild von Posipal, das sein Vereinsfreund Steege vor Augen hat: „Da war doch kein Fleisch an den Waden.“

Posipal ist allen Zeitzeugen – sei es in Hannover oder Schaumburg – gut in Erinnerung geblieben: als vielseitiger Spieler und talentierter Fußballer. Aber prominent war er noch längst nicht. Vor dem Sieg im Wankdorf-Stadion gab es noch eine Stationen – allerdings auch in der Nähe. Vom Badenstedter SC wechselte Posipal 1946 zu Linden 07, später zu Arminia Hannover.

Gisela Posipal erinnert sich auch diese Schilderungen ihres Mannes gut: Während der Zeit bei Linden 07 habe er bei einem netten Ehepaar ein möbliertes Zimmer gehabt. „Die hatten keine Kinder. Da hat er sich dann ein bisschen geborgen gefühlt.“ Und: „Er hat gedolmetscht im Lager, auch am Gericht gedolmetscht, wenn da irgendwelche Probleme waren, von Ungarisch und Rumänisch in Deutsch.“ Sein eigentlicher Aufstieg als Fußballer begann erst bei Arminia Hannover, dort bestritt er zwischen 1947 und 1949 42 Oberligaspiele. Und er traf auf seinen späteren Förderer: „Er hat das Glück gehabt, dass er Schorsch Knöpfle kennengelernt hat, der ihn ja nach Arminia Hannover geholt hat und ihn dann geformt hat. Und der hat ihn auch mit zum HSV genommen. Und hier hat er sich sehr wohl gefühlt in Hamburg. Er hätte nie den Gedanken gehabt, den Verein zu verlassen und woanders hinzugehen, auch wenn da Angebote waren.“ Knöpfle wechselte 1949 als Trainer zum Hamburger SV und nahm Posipal mit. Offensichtlich ein Glücksfall. Bereits 1953 wurde Jupp Posipal als einziger Deutscher in eine FIFA-Weltauswahl berufen, die aus Anlass des 90-jährigen Bestehens des englischen Fußballverbandes für ein Spiel zusammengestellt worden war. Ein Jahr darauf spätestens ist Menschen in Schaumburg und Hannover klar geworden, welch Riesentalent in der Region unmittelbar nach Kriegsende gespielt hat. Völlig frei von Problemen war diese Zeit nicht. Posipal wurde von Sepp Herberger für ein Länderspiel nominiert – und durfte nicht antreten. Es gab Schwierigkeiten mit der Staatsangehörigkeit, erinnert sich Gisela Posipal: „Nein, er hat einen rumänischen Pass gehabt.“ Einen deutschen Pass „hat er erst zum ersten Länderspiel bekommen.“ „Gegen die Schweiz konnte er noch nicht spielen, weil er noch nicht den deutschen Pass hatte. Den hat er dann beim nächsten Länderspiel gehabt.“ Das war am 17. Juni 1951 beim Spiel in Berlin gegen die Türkei.

Eine Rückkehr nach Rumänien nach Ende des Zweiten Weltkrieges hat nicht zur Debatte gestanden. Gisela Posipal: „Er ist ja auch nicht wieder nach Rumänien zurückgegangen, denn seine Kameraden, die zurückgegangen sind gleich nach dem Krieg, sind alle in Sibirien gelandet.“ Und weiter: „Seine Mutter hatte damals wohl geschrieben – das muss ja geklappt haben – er soll um Himmels Willen nicht nach Hause kommen.“

1943 musste Jupp Posipal sein Elternhaus verlassen, erst 18 Jahre später hat er seine Mutter wiedergesehen. Seine Mutter habe Rumänien allerdings nicht verlassen wollen, erinnert sich Gisela Posipal: „Die ist dageblieben, die wollte auch nicht weg.“ „Sie war zweimal in Deutschland, nachdem denn mit sehr viel Mühe mal so ein Besuchsvisum erstellt wurde, aber sie wollte immer wieder zurück, weil sie meinte, einen fremden Baum zu verpflanzen, ist schwierig. Mein Mann hat seine Mutter 1955 das erste Mal wieder gesprochen seit 1943. Die haben ja kein Telefon da gehabt.“ Den ersten Telefonkontakt zwischen Mutter und Sohn habe es erst nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft während einer UdSSR-Reise der deutschen Fußballnationalmannschaft gegeben: „Dann war ja das Länderspiel in Russland – Russland gegen Deutschland -, und unaufgefordert wurde ihm angeboten, mit seiner Mutter telefonieren zu können. Das wurde arrangiert, und da haben sie nach all den Jahren sprechen können. Und gesehen haben sie sich dann 1961 hier in Hamburg. Eher war nicht möglich. Es gab ja keine Ausreisegenehmigung.“ „Er war ein Einzelkind. Und das war natürlich besonders bitter“, beschreibt Gisela Posipal die Trennung von Mutter und Sohn.

Was zwischen der Nominierung für die Weltauswahl 1953 und der UdSSR-Reise 1955 geschah, ist reichlich zur Legendenbildung genutzt worden: Das Finale von Bern im Wankdorf-Stadion. „Dieses Spiel kann nicht übertroffen werden“, hat Horst Eckel einmal die Ereignisse zusammengefasst. Zehn Tage vor WM-Beginn hat Sepp Herberger sein Aufgebot bekannt gegeben. Jupp Posipal gehört dazu. Bis heute heißt es beim Hamburger SV, Posipal sei der einzige Weltmeister, den der HSV bis heute habe. Franz Beckenbauer, der von 1980 bis 1982 in der Hansestadt unter Vertrag stand, gehörte eben nie zum HSV.

„Wir begriffen es nicht, als wir nebeneinander standen und die Nationalhymne hörten. Jeder hat ohne Aufforderung die Hand des Nebenmannes gefasst, so tief war das Gefühl der echten Kameradschaft“ hat Jupp Posipal den „Geist von Spiez“ einmal beschrieben. Dabei stand das Turnier in der Schweiz für den HSV-Spieler anfangs unter keinem guten Stern. „Alle Hoffnungen waren dahin“, hat Posipal einmal von den Zweifeln an seiner Form während des WM-Turnier gesagt. „Aber der Chef nahm das Risiko auf sich. Ich war gleich dabei. Doch meine Leistungen waren nicht überzeugend.“ Und: „In langen Spaziergängen baute mich Sepp Herberger wieder auf.“ Der hatte über Posipal nach dem Finale einmal gesagt: „Im Zentrum unserer Abwehr stand Jupp Posipal – ein Mann von unbestrittener Weltklasse.“ Es scheint funktioniert zu haben. Im Endspiel meldet er den ungarischen Spieler Czibor ab, den kannte er noch aus der gemeinsam in Lugoj verbrachten Schulzeit. Bei Herbert Zimmermann hieß es dann in der Reportage: „Wankdorf-Stadion in Bern.“ Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Wir schreiben die 10. Spielminute. Ungarn führt bereits mit 2:0. Und was passiert? Posipal hat gestoppt. Souverän gestoppt.“ Was dann geschah, ist Allgemeinwissen: 3:2, Legenden und Mythen, für ein Team das Wunder, für das andere die Wunde von Bern.

Bis 1956 spielte Posipal insgesamt 32 Mal in der Nationalmannschaft, war Stellvertreter Fritz Walters als Kapitän. Und 1958 war ganz Schluss mit dem Profi-Fußball. Seine Frau Gisela fasst die Zweifel daran zusammen: „Er hat mit 30 hat er aufgehört. Das habe ich immer nicht verstanden. Ich habe gedacht: Das schafft er nicht, weil er ein leidenschaftlicher Fußballer war. Ne ne, mit 30 war Schluss. Und dann kam eben der Beruf dran.“ Er habe früh aufgehört, „weil der Beruf wichtiger war“.

So unauffällig er abseits des Platzes während der aktiven Zeit war, so solide lebte Posipal später: Keine Affären, keine Skandale, keine Probleme. Für ein süddeutsches Möbelunternehmen übernahm er die Vertretung für Norddeutschland – ein Unternehmen, das Jupp Posipals Sohn Peer – früher selbst Profi-Fußballer – übernommen hat und seither erfolgreich weiterführt. Das Erfolgsrezept ihres Mannes kennt Gisela Posipal: „Er war ein bescheidener Mensch. Fleißig. Höflich. Können Sie alle fragen.“ Und: „Er war ein einmaliger Kumpel, er war kein Star. Ganz einfach. Er war ganz normal, war ein vorbildlicher Mannschaftskäpt’n, hat seine Mannschaft gut geführt, dass keiner überschnappte, dass alle schön auf dem Teppich blieben. Und in der Kundschaft reden sie immer noch. Mein Sohn hat das ja übernommen. Ein ehrlicher Kaufmann. Er war kein Schwätzer und vor allem kein Angeber.“

Ein ganz ähnliches Urteil hat Uwe Seeler, den Posipal beim HSV nicht nur Mitspieler, sondern auch Vorbild gewesen ist: „An ihm haben wir uns orientiert, er war sozusagen unser Leithammel, menschlich eine Granate.“ Und an anderer Stelle meinte Seeler über seine Leitfigur: „Er war einmalig und herzensgut.“ Am 21. Februar 1997 ist Jupp Posipal an Herzversagen gestorben.

In Wiedenbrügge, wo sich früher der Fußballplatz des Sportvereins „Blau-Weiß“ befand, soll am Sonnabend, 18. Juni, ein Gedenkstein für Jupp Posipal, enthüllt werden. Ein einfacher Findling mit Metallplatte und schlichter Inschrift, die daran erinnern soll, dass unmittelbar nach Kriegsende Jupp Posipal in der Seeprovinz Fußball gespielt hat. „Das hätte zu ihm gepasst“, urteilt Peer Posipal über den zurückhaltend gestalteten Erinnerungsstein für seinen Vater.

Vielen Dank an Harm Wörner, Uwe Brinkmann und Wilfried Hentschke für die engagierte Recherche in Wölpinghausen und Wiedenbrügge. 

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