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Christoph Oppermann / Medienblog

Monat: November 2013

Journalismus: Weder Produkt noch Dienstleistung. Nur Zauberei.

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Der Leser braucht Journalismus nicht, aber er bekommt ihn im Überfluss. Und nur weil es uns viel gekostet hat und wir es für wertvoll erachten, muss es der Leser noch lange nicht als Wert anerkennen. Darum wird auch jede Paywall scheitern, solange sie vor einer austauschbaren Nachrichtenseite sitzt.

Wahrheiten, die keinem Journalisten gefallen werden (und wohl auch keinem Verleger), aber eben Wahrheiten sind. Und nur wenige haben es so klar und präzise formuliert wie Stephan Goldmann auf LousyPennies.de.

Das Abendland ist immer noch nicht untergegangen.

Korrespondent, Buchautor und Denkmal gewordener Raucher: Ralf Sotscheck liest in Stadthagen

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Ralf Sotscheck gehört zu den Unikaten. Allerdings in welcher Branche? Er ist Journalist, Buchautor und Vortragskünstler. Als Korrespondent der taz für Irland und Großbritannien versorgt er Deutschland mit aktuellen Nachrichten und vor allem informativen Hintergrundgeschichten von den beiden Inseln, in Buchform gegossen gibt’s seine zahlreichen Glossen, und immer wieder schreibt er auch ungemein interessante Beiträge, die das Sujet „Reiseführer“ an dessen Grenzen bringen.

Am Mittwoch, 4. Dezember, liest Sotscheck in der „Alten Polizei“ in Stadthagen. Beginn: 20 Uhr. Eintritt: 5 Euro. Billetts gibt’s nur an der Abendkasse. Viel Vergnügen.

Breaking news: Feinkost-Alfred führt Paywall ein

Helle Aufregung in der Lebensmittelbranche und im Einzelhandel: Feinkost-Alfred hat eine Paywall eingeführt. Fortan, heißt es aus der Unternehmenskommunikation des Discounter-Riesen, seien alle Angebote im Sortiment bezahlpflichtig. Feinkost-Alfred begründet diese Bezahlschranke mit der Ausweitung des Angebotes auf hochwertige Produkte, allerdings sollen auch die sogenannten Billigmarken nun nicht mehr gratis erhältlich sein.

In der Branche sowie in der Öffentlichkeit hat die Bezahlschranke für Empörung gesorgt und zum Teil bittere Reaktionen. Ein wehr.dich-Sprecher verurteilte die neue Erlösquelle als unmoralisch. „Jeder hat ein Recht auf Nahrung, das kann nicht vom Einkommen abhängen.“ Er kritisierte darüber hinaus den Zeitpunkt kurz vor dem Weihnachtsgeschäft und den Versuch des Discounters, die Bezahlschranke ohne Ankündigung einzuführen: „Das ist Abzocke durch die buchstäblich kalte Küche.“ Und: „Jetzt werden Menschen sogar im Supermarkt zur Kasse gebeten.“ Der wehr.Dich-Bundesvorstand wolle nun über andere Finanzierungs- und Verteilungsmodelle nachdenken. Denkbar sei beispielsweise, Lebensmitteldiscounter auf Stiftungsbasis zu führen.

Empört gaben sich auch Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland. Für Lebensmittel Geld zu verlangen, sei unmoralisch, überhaupt Geld von jemanden zu verlangen, ohnehin schon fragwürdig. Allerdings mussten Sprecher der Katholischen Bischofskonferenz und der EKD einräumen, dass beide Institutionen selbst nicht nur zusätzliche Einnahmen in namhafter Höhe aus Vermietung, Verpachtung und Dienstleistungsgeschäften zu verzeichnen hätten, sondern auch im „Kerngeschäft“ – nämlich nach den üblichen Sonntagsmatineen – mit Nachdruck Spenden erbäten. „Das sind aber nur lousy pennies“, antwortete ein Kirchensprecher auf die Frage, was die Sonntagskollekte durchschnittlich ergibt, und rechtfertigte die Sammlung mit dem Hinweis „Es arbeitet schließlich niemand für Gottes Lohn.“ Religiös motivierte Kritik an der Bezahlpflicht im Supermarkt kam auch von der Backwahn-Sekte, die sich nun in der Ausübung ihres Glaubens behindert sieht.

In einem schnellen Kurzkommentar rechtfertige Deutschlands größte Boulevard-Zeitung die Paywall des Discount-Riesen mit dem Hinweis, dass in den USA schon längst jeder Bürger für Burger und andere Lebensmittel zahlen müsse. Das hätten die leitenden Mitarbeiter während des Studienaufenthaltes im Silicon Valley anfangs leidvoll erfahren müssen, sich aber später von den Vorteilen dieses Erlösmodells überrascht gezeigt. Auch die britische Tesco-Kette bereite die Bezahlschranke im Stillen schon vor. Die publizistische Alternativ-Avantgarde in Berlin konterte diesen Kommentar mit einer ebenso raschen Umdeutung der Kunst am eigenen Bau an der Rudi-Dutschke-Straße sowie dem Satz: „Das ist uns Latte.“

Bereits jetzt scheint die Bezahlschranke Vorbildcharakter für die gesamte Lebensmittelbranche zu haben. Die im höherpreisigen Segment angesiedelte Ebenda-Kette will sogar individuelle Preise für jeden Kunden ermitteln, wogegen „Prima leben und sterben“ (Plus) eine Flatrate im Abo konzipiert hat. Auch gegen die Ebenda-Pläne gibt es bereits Widerstand, überraschenderweise von der Lehrergewerkschaft GEW. „Individuelle Preise an der Supermarktkasse – das ist Stigmatisierung und kann gerade bei Kindern zu traumatischen Schäden führen“, heißt es in einer Pressenotiz der Pädagogenvereinigung. Über mögliche Streik-Aktionen gegen die Einführung von Lebenshaltungskosten und deren Individualisierung wolle man in der Lehrergewerkschaft unbedingt ein Stück weit diskutieren.

Garcia: „Print ist tot“ und neun andere Mythen

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1. Print is dead.
No such thing at all. Print is finding its way and fine tuning its instrument as part of the media quartet.

„Print ist tot“ beschreibt Mario Garcia als Mythos – und fügt dem noch neun andere hinzu. Vielleicht befördert gerade eine Tageszeitungssozialisation den Ansatz, immer ultimative Lösungen zu suchen und entsprechende Ansätze zu präsentieren. Die aber gibt es offenbar nicht mehr. Lousy pennies statt lebenslangen Abos…

Der komplette Text: New myths in the era of digital quartet

Schaumburger Nachrichten jetzt mit zwei zusätzlichen Wirtschaftskanälen

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„It’s economy, stupid“ soll sich Bill Clinton in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf  buchstäblich an den Spiegel gesteckt haben. Selbst wenn das nur ein moderner Mythos ist – es geht tatsächlich um Wirtschaft. Deshalb hat die SN-Redaktion ihr Angebot jetzt ausgeweitet.

Gleich zwei neue Digitalkanäle haben die Schaumburger Nachrichten nun in Betrieb genommen, und in beiden Fällen geht’s um Wirtschaftsfragen. Von sofort an gibt es einen eigenen Facebook-Kanal zum Thema Wirtschaft, und auch ein eigenes Flipboardmagazin („Schaumburger Wirtschaft„) ist verfügbar.

Damit setzt die SN-Redaktion konsequent den erfolgreichen Weg fort, die digitale Ausgabe der Beiträge und deren Verlinkung zu diversifizieren. Seitdem auf dem Facebook-Hauptkanal „nur noch“ lokale Nachrichten laufen und jeder User aus einem umfangreichen Angebot an SN-Facebook- und Twitter-Kanälen wählen kann, steigen die Follower-Zahlen in ansehnlichem Maß, die Zahl an Unique-Usern und Page-Impressions auf sn-online.de ebenso.

Hier noch einmal die Links zu den beiden neuen Wirtschaftskanälen: Facebook / Flipboard

Lousy Pennies: Koen Droste im Interview mit Karsten Lohmeyer über die Chancen von upcoming.de

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Die Nachrichtenbranche ist schon in einer bizarren Situation. Einerseits diskutieren wir unter #tag2020 unter anderen Begriffen die Zukunft der Tageszeitungen, ohne dass wesentliche Standpunkte von Kostenverantwortlichen aus den Verlagen eingeflossen wären, andererseits gibt es inzwischen technische Möglichkeiten, die buchstäblich atemberaubend wirken können.

Und bevor wieder die ersten Gutmenschen aus unserer Branche erneut den Untergang des Abendlandes vorhersagen oder aus ähnlichen Gründen sich dem Thema nur mit spitzen Fingern nähern: Es geht zunächst einmal nur um einen Vertriebsweg. Einen sehr interessanten Vertriebsweg. Im Kern eine sehr gründliche SEO-Optimierung. Es lohnt in jedem Fall, mal in Ruhe das Interview zu lesen, das Karsten Lohmeyer von Lousy Pennies mit Koen Droste (Upcoming) geführt hat. Hier gibt es den vollständigen Text.

Digital-Werkzeuge: Kleines Besteck für Zeitungsmenschen

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Übersichten über digitale Tools, die jeder Journalist beherrschen sollte, gibt es bereits einige. Jetzt kommt noch eine Liste hinzu. Aufgeführt werden hier allerdings nur Tools, die ich für die alltägliche Arbeit in einer Lokalredaktion und jedes einzelnen Kollegen für unabdingbar halte. 

Damit ist diese Liste selbstverständlich leicht angreifbar, aber die Realitäten in den Redaktionen mit Blick auf den Kenntnisstand der einzelnen Kollegen unterscheiden sich erheblich von dem, was sich „echte“ Onliner gelegentlich vorstellen. Hier geht es um Notwendigkeiten und tägliche Anwendung. Da die meisten Tools unter der Flagge „social media“ segeln, ist eine Unterscheidung nach Werkzeugen, die der Recherche dienen, und solchen, die zur Verbreitung von Inhalten gedacht sind, nur schwer möglich. Es bleibt also bei einer Kategorie und einer Liste. Eine größere Übersicht über die Vorschläge von Kollegen, welche Tools zum Einsatz kommen sollten, gibt es hier.

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FLIPBOARD: Gehört auf jedes mobile Endgerät. Flipboard ist gleichermaßen hervorragend zur Sammlung wie zur Verbreitung von Inhalten konzipiert. Nach eigener Interessenlage lassen sich hier leicht eigene Nachrichtenkanäle konfigurieren, und die daraus gewonnen Informationen sind auch leicht wieder an die eigenen Freunde, Fans und Follower zu verteilen. Einrichtung und Sharing sind hier tatsächlich ein Kinderspiel, und dazu kommt die wirklich zeitgemäße Optik: Digitalmagazin statt digitalisierter Inhalte. Weitere Pluspunkte: Flipboard funktioniert auf Apple- und Android-Geräten, ist darüber hinaus als App und in der Nutzung kostenlos. Icing on the cake: Auf Flipboard lassen sich auch leicht eigene Digitalmagazine herstellen. Ein zusätzlicher, außerdem optisch reizvoller Vertriebsweg, um die eigenen Inhalte, die für Print ohnehin schon gefertigt sind, an den Mann oder die Frau zu bringen. Flipboard-Magazine: Das MedienMagazin. Die Schaumburger Nachrichten als Digitalmagazin.

FACEBOOK: Man kann es sehen wie Günter Grass: „Facebook ist Sch…dreck.“ Derzeit sicherlich eine der am weitesten verbreiteten Varianten, freie Zeit zu vertun (Facebook nutzen, nicht die Welt mit Grass-Augen sehen), aber wer Inhalte unters (Lese-)Volk bringen will, kommt am Zuckerberg-Monster nicht vorbei. Richtig eingesetzt bringt es nicht nur zusätzliche Klicks auf der eigenen Nachrichtenseite, sondern auch Hinweise der Follower / Leser auf aktuelle Themen. Fanclub-Vorsitzender von Facebook werde ich sicher nicht mehr, aber eine Frage beschäftigt mich doch gelegentlich: Was haben gerade Medienleute gegen Facebook und die Neigung dieses Unternehmens, Kundendaten zu sammeln? Einfach mal mit der eigenen Vertriebsabteilung darüber sprechen… . Problem von und bei Facebook: Offenbar kippt gerade bei Jugendlichen der Trend, sich auf dieser Plattform zu äußern. Offenbar ist eine Community dann für junge Menschen nicht mehr angesagt, wenn sich die eigene Elterngeneration dort tummelt. Nachvollziehbar. Bis das allerdings zum echten Problem für Zeitungshäuser in Deutschland wird, dauert es wohl noch etwas. Die SN bei Facebook.

TWITTER: Wer wissen will, was die eigenen Kunden denken, braucht einen Facebook-Account. Wen interessiert, was in der Medienbranche vor sich geht und welches Thema gerade angesagt ist, sieht besser bei Twitter nach. Anfangs als URL-Schleuder verpönt, hat sich Twitter zum einem hervorragenden Tool zur Recherche und Verbreitung von Informationen und Standpunkten innerhalb der Medienbranche entwickelt. Einfach bei aktuellen Themenlagen auf einem Bildschirm eine entsprechende Twitterabfrage laufen lassen – bei der Bundestagswahl im September ’13 hat Twitter in unserer kleinen Redaktion sehr geholfen, weil über den Kurznachrichtendienst die FDP-Zitterpartie mit bekanntem Ausgang viel früher wahrnehmbar war als über die bezahlten Agenturleistungen und -leitungen.

WORDPRESS: Freie müssen sich selbst vermarkten, formulieren inzwischen sogar Journalistengewerkschaften. Plattform dafür kann ein Blog auf WordPress sein. In der Grundfunktion kostenlos und schnell eingerichtet. Dort lässt sich auch die Verbreitung der eigenen Inhalte leicht und rasch bewerkstelligen. Die Veröffentlichung neuer Beiträge über die eigenen Social-Media-Accounts ist unproblematisch mit einmaligen Einstellungen zu automatisieren.

TUMBLR: Wem WordPress zu mächtig ist, findet bei Tumblr eine brauchbare, kostenlose Alternative. Anzusiedeln zwischen dem Microblogging auf Twitter und der extended version auf WordPress, bietet Tumblr leicht einzurichtende Blogs, die gegebenenfalls auch schnell wieder löschbar sind. Allerdings erfordert hier die Verbreitung der Inhalte auf anderen Social-Media-Kanälen noch etwas mehr Handarbeit. Dennoch eine interessante Lösung, die sich auch leicht von mobilen Endgeräten aus bedienen lässt.

STORIFY: Hört man Onlinern zu, geht es fast nicht mehr um Nachrichten, Storytelling ist das Zauberwort – und in vielen Bereichen liegt das tatsächlich nahe. Wer mehr bieten will als digitalisierte Nachrichten, kommt an dieser Form kuratierter Inhalte nicht vorbei. Storify bietet hierzu ein kostenloses, leicht bedienbares Tool, das sehenswerte Mischungen aus Nachrichtenlinks und Äußerungen aus den sozialen Netzwerken schaffen kann. Wie auf einer Micorsite lassen sich in einem solchen Dokument leicht sehr unterschiedliche Darstellungsformen zu einem vorzeigbaren Ergebnis komponieren, das auch eine eigene Dramaturgie erzeugt. Beispiel dafür hier.

THINGLINK: Ähnlich wie Storify ist eine ThingLink-Grafik die Chance, die Leser / Nutzer / Kunden einmal richtig nett zu überraschen. Grundlage ist ein Foto oder eine Grafik, das so viele Links zu Texten, Bildern und Videos enthält, wie man es sich wünscht und für ein Thema nötig hält. Ein kostenloses Tool, das auch von mobilen Endgeräten aus erstellt und aktualisiert werden kann. Wie bei all diesen Tools und Anwendungen kann jeder, der mag, seinem Spieltrieb Raum geben oder eben präzise überlegen, welche Anwendung wozu passt. ThingLink eignet sich hervorragend als optische Zusammenfassung eines Themas und ist – auch ohne größere Routine – schnell handhabbar.

YOUTUBE: Ein eigener YouTube-Account sollte schon sein, und wer sich einmal bei Google angemeldet hat, hat damit ohnehin schon Zugang zur Videoplattform. Inzwischen hat nahezu jeder Kollege/jede Kollegin ein Mobiltelefon in der Tasche, das Videos aufzeichnen kann. Wer meint, mit einem kurzen Clip vom Hausbrand nicht gegen die Tagesschau antreten zu können, sollte sich fragen, wie oft er mit eigenen Enthüllungen inhaltlich gegen den SPIEGEL gewinnt. Gelegentlich geht es nur um ein kurzes Statement, eine kurze Bildsequenz, und die lässt sich praktisch in der Jackentasche fix hochladen.

DATAWRAPPER: Ein unabdingbares Werkzeug, um nicht von Sekretariaten oder Grafikern abhängig zu sein. Datawrapper ist die kostenlose Gelegenheit, sich selbst sehenswerte und brauchbare Grafiken auf Grundlage vorliegenden Zahlenmaterials zu organisieren. Leichter und günstiger geht es derzeit nicht.

to be continued and updated…

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