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Christoph Oppermann / Medienblog

Monat: Februar 2011

Ehrliche Empörung statt sicheren Wissens?

Lesen, Schreiben, Rechnen – die drei elementaren Kulturtechniken, und das galt über viele Jahrhunderte. Dass der Umgang mit Digitalem, wofür das geeignete Zeitwort noch zu fehlen scheint, diese Begriffe zum Quartett ergänzt, ist im Fall Guttenberg offenkundig geworden.

Keine Sorge. Hier geht es nicht um die Grenze zwischen Zitat und Plagiat, nicht um den Grad an Professionalität im Umgang mit Medien – was eigene Betrachtungen wert wäre – und auch nicht um moralische Bewertungen. Interessant ist in diesem Fall die Rolle der Öffentlichkeit im Zusammenspiel mit Medien, die Wechselwirkung zwischen Surfern und Schreibern.

Ob alles im Zusammenhang mit der Guttenberg-Affaire vor 25 Jahren öffentlich geworden wäre, ist fraglich. In jedem Fall hätten die Kollegen in den Redaktionen bedeutend mehr und länger selbst recherchieren und entdecken müssen, als das durch das Zutun der Netzgemeinde in diesem Fall tatsächlich nötig war. Gegen eine solche Form der Demokratisierung kann niemand etwas haben. Nachrichten und deren Recherche werden öffentlicher, als das zu analogen Zeiten der Fall war. Aber auch das hat eine dunklere Seite. Nicht jede Textdoppelung in einer akademischen Arbeit ist zwangsläufig ein Plagiat, und nicht jede scheinbare Verbindung ist ein Kausalzusammenhang. Wer eine wissenschaftliche Arbeit, vor allem über Themen, die nur wenig exklusiv sind, wird zur Problematisierung andere Textquellen heranziehen müssen. Das ist per se kein Plagiat, und welche Stellen in der Guttenberg-Diss abgekupfert sind, welche der Problematisierung dienen, ist ein Bereich, um den sich Wissenschaftler kümmern müssen, vor allem Juristen aus Bayreuth. Aber nicht jede Textstelle, die in mehreren Publikationen auffindbar ist, muss unbedingt Diebstahl geistigen Eigentums sein. Ebenso scheint der Zusammenhang zwischen der Positionierung der BILD-Redaktion und einem Anzeigenauftrag an dieses Springer-Blatt nach derzeitigem Stand fraglich. Geschmäckle – ja. Mehr ist nach heutigem Stand nicht herstellbar.

Das bedeutend größere Mal an Öffentlichkeit in solchen Vorgängen, fußend auf dem Zugang zu Internetveröffentlichungen, macht die drängende Notwendigkeit nach Veränderungen in Ausbildung und Arbeitsweisen offenkundig. Dingend nötig ist ein Schulfach Medienkunde, nötiger als noch vor einem Vierteljahrhundert, um wenigstens eine kleine Chance erkennbar werden zu lassen, dass nicht auf allen Internetplattformen gesichertes Wissen durch ehrliche Empörung, wahlweise blinde Hetze ersetzt wird. Darüber hinaus müssen gerade Printprodukte sehr schnell ihren Rhythmus ändern. Den Takt geben nicht mehr die Rotationen vor, sondern die Veröffentlichungen von Amateuren im Internet. Diesen müssen wir im Fall Guttenberg für unbeschreiblich viele Detailhinweise dankbar sein. Deren Beobachtungen können aber nicht unsere professionelle Recherche ersetzen, die immer schneller veröffentlicht werden müssen.

 

Digitale Karawane

Nach …VZ, Stayfriend und MySpace – hat jemand eine ungefähre Vorstellung davon, wo wir uns in zwei Jahren digital treffen, wenn Facebook ebenso aus der Mode gekommen ist?

„Lokale News + Blogs + Communities“

Drehscheibe: „Wie kann man spannenden Lokaljournalismus für junge Leute im Internet machen? Seit fünf Jahren suchen die Macher der Online-Plattform fudder.de täglich eine Antwort auf diese Frage und sind dabei schon weit gekommen, wie der Grimme Online Award beweist, den sie 2007 erhalten haben. Markus Hofmann leitet das Projekt der Badischen Zeitung von Beginn an. Den fünften Geburtstag, den Fudder im Januar 2011 feierte, hat die Drehscheibe zum Anlass genommen, den Fudder-Chef Bilanz ziehen zu lassen.“

Die Erfahrungen Hofmanns und seiner Kollegen weisen einen Weg, mit dem wir uns schleunigst vertraut machen sollten – den der Diversifikation. Und zwar in mehrerlei Hinsicht.

Seit vielen Jahrzehnten waren wir verwöhnt mit einem, mit dem Königsweg im Vertrieb. Einmal täglich die Zeitung drucken, bis zum festgesetzten Zeitpunkt ausliefern, und die Kunden haben bislang sogar noch so viel Vertrauen zu uns, dass wir die Kosten dafür direkt vom Konto abbuchen dürfen. Davon träumt jeder Einzelhändler. Fortan werden wir sicher auch mit der Notwendigkeit konfrontiert sein, unsere Nachrichten als Ware nicht nur en gros, sondern auch en detail an den Kunden bringen zu müssen.

Flexibler müssen wir aber nicht nur in Fragen der Vertriebskanäle werden, auch mit Blick auf die Zielgruppen. Solange die Zahl der Alternativen übersichtlich war – drei TV-Programme, vier für die Mutigen, die auch die „aktuelle kamera“ nicht gescheut haben, Tageszeitung, Anzeigenblatt, das war‘s mit Informationsflut – konnte das letzte Argument gegen ein Abonnement noch mit einer intelligenten Buchstruktur entkräftet werden. Das galt für fast alle Altersgruppen. Letztlich war es eine Frage der Zeit, wann ein halbwegs durchschnittlicher Haushalt sich ein Tageszeitungs-Abo zulegte. Oder es überhaupt nicht konnte. Selbst diese Unterschiede verschwinden immer mehr.

Statt nur ein Produkt täglich auf den Markt zu bringen, werden wir die Inhalte auf bedeutend mehr Kanäle verteilen müssen.

Der Demokraten-Hype

Nicht nur gegen einen ordentlichen demokratischen Aufstand habe ich nichts. Auch nichts gegen die Begeisterung, die die Anti-Mubarak-Bewegung, in Europa entfacht. Aber fremd bleibt dabei einiges.

Mir ist aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kein Leitartikel, kein Kommentar, keine Magazingeschichte erinnerlich, die die mangelnden Demokratie-Grundlagen in Ägypten thematisiert hätte. Im Gegenteil: Ägypten unter Mubarak, das war common sense und offizielle Lesart, war Garant für zumindest etwas Stabilität im Nahen Osten. Innerhalb weniger Tage ist aus dem Garanten nicht nur eine persona non grata auf der politischen Bühne geworden, selbst seriöse Titel haben aus dem Sadat-Nachfolger fast buchstäblich über Nacht einen Diktator, sogar Despoten gemacht. Derlei Berichterstattung ist nicht schlüssig.

 

 

JuLe: Junge Menschen erreichen

Wie machen wir aus jungen Menschen künftige Zeitungsleser und hoffentlich auch Abonnenten der Zukunft? Diese Frage bewegt die Branche nicht erst seit kurzer Zeit, doch haben die Diskussionen dazu in den vergangenen Monaten erheblich an Dynamik gewonnen, nämlich seit der BDZV und TBM JuLe, die Initiative Junge Leser, aus der Taufe gehoben haben.

Das erste JuLe-Treffen von Kollegen aus Redaktionen und Verlagen hat eines deutlich gezeigt: Wir suchen Auswege vornehmlich im Printbereich: mit Jugendredaktionen, ZiSch-Aktionen und vor allem Jugendseiten in den Zeitungen. Offenkundig haben wir nicht nur die falschen Antworten, sondern beschäftigen uns auch mit den falschen Fragen.

Dazu wieder ein paar Thesen als Fortsetzung des ersten JuLe-Textes:

  1. Wenn der Kunde nicht zum Angebot kommt, müssen wir dem (jungen) Kunden unsere Ware direkt bis auf den Computer, das iPhone, das iPad liefern.
  2. Unser Job ist nicht primär das Bedrucken von Papier, sondern das Sammeln, Verfassen, Verarbeiten und Veröffentlichen von Nachrichten.
  3. Wir wollen aus jungen Menschen Abonnenten von morgen machen, statt diese als Partner, User und mögliche Kunden von heute zu betrachten. Warum wollen wir erst mit 30-Jährigen in eine Geschäftsbeziehung treten, nicht aber mit 20-Jährigen?
  4. Anders als noch vor wenigen Jahren gibt es heute mehr Möglichkeiten, junge Menschen direkt zu erreichen. Standen Verlagen und Redaktionen vor wenigen Jahren – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur Printprodukt und eine Internetseite zu Verfügung, gibt es heute zahlreiche weitere Vertriebskanäle in den social media. Von konsequenter Nutzung dieser Möglichkeiten in den Verlagshäusern kann derzeit gar keine Rede sein.
  5. Die Verlängerung gedruckter und auf Internetseiten der Zeitungen veröffentlichter Beiträge über Facebook, Twitter und andere social media ist nur der erste Schritt weiterer Kunden- und Leserwerbung.
  6. Redaktionen und Verlage haben bedeutend mehr Ware vorrätig, als sie tatsächlich anbieten: Terminübersichten, Bildergalerien, maßgeschneiderte digitale Informationspakete statt nur einer Zeitung für alle. Zeitungen mit Ticketshops können von der Veranstaltungsankündigung bis zum e-Ticket alles aus einer Hand liefern.
  7. Wir müssen uns auf immer kürzere Technik-Intervalle einrichten. Vor zwei, drei Jahren waren die VZ-Anwendungen und MySpace das Maß der digitalen Dinge, derzeit ist es Facebook, und niemand kann derzeit sicher vorhersagen, auch welcher Plattform sich (junge) Menschen in zwei Jahren tummeln.
  8. Wenn wir als Tageszeitungsverlage diese Angebote authentisch machen wollen, müssen wir uns von vielen Gewissheiten und Grundlagen unserer täglichen Arbeit verabschieden: vom sechs-Tage-Rhythmus, der gerade das für Lokalzeitungen hochinteressante Wochenende unterbelichtet lässt; vom einmaligen Update unseres Angebotes mit der Drucklegung in der Nacht; vom Schreiben für alleine einen Kanal und nur eine undefinierte Zielgruppe.

Thesen zu Problemen bei und mit Jugendseiten.

 

 

 

 

 

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